Erstes Halbjahr 2002

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Samstag, 26. Januar 2002, 21h, Vario Bar, 4600 Olten
HERBIE’S EXPLO 3000

Adrian Pflugshaupt ss, Tim Kleinert p, Herbie Kopf el-b, Pius Baschnagel dr

Der Zürcher E-Bassist Herbie Kopf wird heuer 40 Jahre alt und ist gleichzeitig seit 21 Jahren aktiv in der Szene. Er braucht kaum vorgestellt zu werden, spielte er doch schon in diversesten Formationen bei uns. Kopf ist ein „Chrampfer“ in verschiedensten Hinsichten. Er gehört zu den stilbildenden E-Bassisten der Schweiz. Seine Technik ist schlichtweg perfekt und sein warmer Sound auf dem Fretlessbass, die brillante Intonation sowie seine klugen, eleganten Linien sind altbekannt. Kopf bezeichnet sich selbst als Unruhestifter im positiven Sinne, brütet er doch quasi pausenlos neue Ideen aus, sei es in Form von Bands oder Kompositionen. Seine neue Band, welche logischerweise auch die jüngsten Kompositionen Kopfs interpretiert, bezeichnet er als „regelrechten Glücksfall“ für seine Musik. Stets präsentierte Kopf in seinen Gruppen Spitzenvertreter des helvetischen Jazz: man erinnere sich an die letzten Jazztage, wo er mit den Hip Noses (Nat Su, Hans Feigenwinter, Raphael Woll) zu Gast war oder an die vorletzte seiner nun bereits 8 CDs, auf welcher Jack Walrath und Andy Scherrer mit von der Partie waren. Kopfs neuster Streich ist das junge Quartet „Herbie‘s Explo 3000“, welches bereits auf CD dokumentiert ist. Kaum einer ist älter als dreissig. Der junge Luzerner Sopranosaxofonist Adrian Pflugshaupt sowie der Zürcher Pianist Tim Kleinert sind kleine Sensationen innerhalb der Schweizer Jazzszene und kein geringerer als George Gruntz spricht in den Liner Notes der CD von einer „neuen Generation“ von Musikern. Und selbstverständlich grooven Drummer Pius Baschnagel und Kopf miteinander, dass es eine helle Freude ist.





Samstag, 23. Februar 2002, 21h, Vario Bar, 4600 Olten
FOUR ROSES

Florence Chitacumbi voc, Florence Melnotte p, Karoline Höfler b, Béatrice Graf dr

Frauen im Jazz sind eine Seltenheit geblieben, Frauenbands erst recht! Um so mehr mag es erstaunen, dass gerade eine reine Frauen-Jazzformation, welche ihre Wurzeln in der Schweiz hat, dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiern kann. Four Roses haben 1992 anlässlich eines Konzerts am Montreux Jazzfestival zusammengefunden. Unterdessen haben die vier Rosen über 170 Konzerte gespielt, unter anderem am letzten Maitag 1997 im Oltner Circolo Hagberg ­ ein Konzert, das wohl kein Anwesender ­ ja, auch keine Anwesende ­ vergessen hat. Wenn die charismatische, zierliche Sängerin Florence Chitacumbi mit ihren schweizer und angolanischen Wurzeln, ihrer ergreifenden Präsenz und mit dem ünterkühlt-erotischen Timbre „Scratch me“ singt, so sind alle ZuhörerInnen gefesselt. Mittlerweile hat sich einiges geändert: Einige sind Mütter geworden, Bassistin Nina de Heny wurde durch Karoline Höfler aus Stuttgart ebenbürtig ersetzt ­ vor allem liegt aber das neue Album „L’histoire d’eau“ vor, welches die Frauen in Olten vorstel len werden. Die Band hat sich eindeutig weiterentwickelt, ist aber ihrer Stilistik treu geblieben. Noch immer zeichnet die in Amerika lebende Französin Florence Melnotte zusammen mit der in Genf ansässigen Drummerin Béatrice Graf für die anspruchsvollen Kompositionenverantwortlich, für deren Bekömmlichkeit sie aber mit ihrem melodiösen, lyrischen Pianospiel stets besorgt ist.





Samstag, 23. März 2002, 21h, Vario Bar, 4600 Olten
CHRISTIAN MÜNCHINGER QUARTET

Christian Münchinger ts, Léo Tardin p, Fabian Gisler b, Dominic Egli dr

1969 in Zürich geboren, begann er im Alter von 8 Jahren Klavier und Blockflöte zu spielen und wechselte mit 16 zum Saxofon. Ein weiser Schritt, denn würde es den Tenoristen Christian Münchinger nicht geben, so wäre die Schweizer Jazzszene um eine gewichtige Tenorstimme ärmer. Münchinger hat die bestmögliche Ausbildung genossen: er durfte an der Swiss Jazzschool Bern bei Andy Scherrer studieren und vertiefte danach sein Können bei anderen Altmeistern wie Joe Lovano, Jerry Bergonzi oder Dave Liebmann. Das Produkt: ein mit sozusagen allen Wassern gewaschener Tenorist, der problemlos sämtliche grossen Tenorsaxofonisten des letzten Jahrhunderts zitieren kann, seien es seine Vorbilder Dexter Gordon, der frühe Coltrane oder eben ein Johnny Griffin oder ein Charlie Rouse innerhalb der Interpretation von „Eronel“ einer Nummer von Thelonius Monk (übrigens nachzuvollziehen auf Münchingers CD „Live at Moods“, welche 1999 beim renommierten deutschen Label Mons erschien). Dennoch hat Münchinger eine starke musikalische Persönlichkeit entwickelt und ist nicht einfach nur Epigone wie so zahlreiche andere junge Schweizer Jazzmusiker. Die Standards und Eigenkompositionen interpretieren die Musiker seines Quartets frisch und messen Dynamik, Interplay und Polyrhythmik einen besonders hohen Stellenwert zu. Vom Können des jungen Genfer Pianisten Léo Tardin haben wir uns in Olten ja bereits zweimal überzeugt, und dass die einmalige Rhythmsection mit dem Bassisten Fabian Gisler und dem Drummer Dominic Egli schon beinahe als Schweizer Ausgabe von Carter-Williams angepriesen werden darf, ist altbekannt.





Samstag, 4. Mai 2002, 21h, Vario Bar, 4600 Olten
SLIDESTREAM

Vincent Lachat tb, Danilo Moccia tb, Stefan Schlegel tb, Stefan Stahel p, Christoph Sprenger b, Elmar Frey dr

Die grösste Formation dieser Saison weist zugleich auch die eigenwilligste Besetzung auf. Dass ein Sextett meist eine Rhythmsection, bestehend aus Piano, Bass und Drums umfasst, ist ebenso bekannt wie einleuchtend. Dass aber die übrigen Instrumente dieselben ­ nämlich drei Posaunen ­ sind, mag verwundern und macht zugleich neugierig. Wie hat man sich nun den Sound von Slidestream vorzustellen? Der Bandname ist Programm. Da wird gegleitet, gerutscht, nachzuvollziehen an den flinken Armen der Herren Moccia, Lachat und Schlegel, welche die Züge ihrer Posaunen mit eleganter Leichtigkeit und beinahe absoluter Treffsicherheit führen. Aber neben dem „slide“ existiert zu jedem Zeitpunkt auch der „stream“, der Fluss, das Pulsieren der groovenden und swingenden Rhythmsection um Stahel, Sprenger und Frei. Zu erwarten ist eine überwältigende Posaunen-Klangfülle, welche sich nicht nur aus der Anzahl dieser Instrumente ergibt. Dass es sich in dieser Band ausschliesslich um „Könner“ handelt, leuchtet ein. Alle haben an einer Jazzschule studiert, lehren nun häufig selber an einer derartigen Musikhochschule, und sind bestens etabliert innerhalb der Szene. Mit Spannung darf man spekulieren, wie diese drei Posaunen nun eingesetzt werden: alleine, solistisch, als Bigband Posaunenregister, im Wechselspiel. Die Kombinationsmöglichkeiten sind unbeschränkt. Nur soviel sei verraten: Das Repertoire, zumeist Eigenkompositionen von Danilo Moccia, ist äusserst abwechslungsreich und reicht von Swing über Mainstream und Hardbop bis hin zu sinnlichen Latinnummern.
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