reminder_03, 20. und 21. Juni 2003 MAGAZIN Olten

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Freitag, 20. Juni 20:30 Uhr
GIULIO GRANATI QUARTET

Giulio Granati p, Michael Rosen (USA) ts/ss, Stefano Dall'Ora (I) b, Silvano Borzacchiello dr

Ein weiteres Highlight – und dass es aus der Schweiz kommt freut besonders. Der in Rom gebürtige und in Lugano lebende italienische Pianist Giulio Granati bleibt vermutlich noch eine Zeit lang Geheimtipp, auch wenn er die Herzen des Oltner Publikums bereits im Dezember 2001 einmal eroberte. Geheimtipp - zu Unrecht natürlich, denn was er eben zusammen mit dem amerikanischen, in Mailand lebenden Soprano- und Tenorsaxofonisten Michael Rosen, dem italienischen Bassisten Stefano Dall’Ora und dem Tessiner Drummer Silvano Borzacchiello auf dem zunehmend an Renommee gewinnenden Tessiner Label Altri Suoni eingespielt hat, ist grossartig. Wenn stilistisch auch nicht revolutionär sondern dem Mainstream in den Fussstapfen von Bill Evans nachfolgend zuzuordnen, so muss Granati doch eine heutzutage in diesem Bereich des Jazz im seltener werdende Eigenständigkeit attestiert werden. In den sieben Eigenkompositionen Granatis, welche teilweise bis zu zehn Minuten Dauern, besteht genügend Raum für ausgedehnte Soli. Ob modal oder uptempo: souverän agieren die vier konstant. Dabei trifft der schlichte Titel der Platte – „In the Mood“ – den Nagel auf den Kopf. Denn letztlich geht’s diesem hervorragenden Quartett nur um Stimmung(en), und die evozieren sie mit den ersten Klängen, seien es schreiende Seufzer auf dem Soprano, Dall’Oras gestrichener Bass (der manchmal an Mingus erinnert) oder Granatis lyrische Akkorde auf dem Piano. Granati muss wohl noch eine Zeit lang der verkannte Prophet im eigenen Lande bleiben, aber mindestens wir Oltner Konzertgänger haben ihn erkannt und können ihn nicht mehr vergessen.


Samstag, 21. Juni 20:30 Uhr
STEVE REID QUARTET

Steve REID (USA) dr, Chuck Henderson (USA) ss, Boris Netsveteav (R) p, Chris Lachotta (D) b


Vielleicht ist dieser Reminder zufällig Plattform für die verkannten Propheten. Das Quartett des amerikanischen Drummers Steve Reid, der übrigens ebenfalls im Tessin lebt, ist ein Juwel! Der am 29. Januar 1944 in der New Yorker Bronx geborene Reid begann bereits als 16-Jähriger seine Brötchen mit Schlagzeug spielen zu verdienen. Und zwar mit illustren Namen wie Martha&Vandellas (Motown) oder in der Apollo Theatre House Band unter Quincy Jones (mit 17 Jahren). Obwohl er 6 Nächte die Woche trommelte, schloss er sein Drum-Studium an der Aldelphi University 1965 mit einem BA Degree ab. Anschliessend ging er für drei Jahre nach Afrika, um danach mit Freddie Hubbard, Jackie McLean, T-Bone Walker, Gary Bartz, Dee Dee Bridgewater, David Murray, Arthur Blythe, Charles Tyler, Horace Silver, Mal Waldron, Chak Khan, Sam Rivers und vielen anderen zu spielen. Man kann diese Liste fast beliebig fortsetzen – zwei Anmerkungen sollen genügen: Reid war der erste Drummer von James Brown und Reid spielte auf dem berühmten Album „Tutu“ von Miles Davis! Reids Stil ist stark von den afrikanischen Rhythmen, den modalen Harmonien sowie John Coltranes Exkurse in die Zwölftonmusik geprägt. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, nur vom Drummer zu schreiben. Seine Band ist phänomenal. Der klassisch ausgebildete Bassist Chris Lachotta aus Frankfurt legt solide Fundamente – das lernte er u.a. bei Mal Waldron oder Dave Brubeck. Umwerfend, unter die Haut gehend sind die Linien des aus Princeton, New Jersey kommenden schwarzen Saxofonisten Chuck Henderson. Er ist zwar Berklee Absolvent, aber viel mehr hört man in seinem Spiel die afrikanischen Wurzeln heraus. Ein weiteres Phänomen, diesmal vom anderen Ende der Welt, ist der aus St. Petersburg kommende Pianist Boris Netsveteav. Er hat mit in seinem zarten Alter von 24 Lenzen schon die Reife eines ganz grossen Pianisten. Man hört, dass Bud Powell Vorbild stand, aber ebenso unverkennbar sind die klassischen Einflüsse, vor allem osteuropäische Komponisten der Romantik. Das Quartett wird in einem Set übrigens eine Hommage an den im Dezember verstorbenen Pianisten Mal Waldron spielen.


Samstag, 21. Juni 22:00 Uhr
JULIO BARRETO LATINO WORLD

Julio Barreto (CUBA) dr/perc, Ademir Cândido (BRA) g/cabacinio guitar, Eduardo "Dudu" Penz (BRA) el-b, Leandro Saint-Hill (CUBA) ts/ss


Zur Abwechslung mal einer, der zwar immer noch Prophet ist, jedoch kein verkannter mehr. Der kubanische Drummer Julio Barreto war schon mehrere Male in Olten zu Gast und ist allen Jazz-, Latinjazz- oder Salsa-Interessierten ein Begriff. Mittlerweile spricht der in Luzern wohnende weltberühmte Schlagzeuger sogar einige Brocken Schweizerdeutsch und unterrichtet u.a. an der Jazzabteilung der Musikhochschule Basel. Aber er ist dennoch sich selbst geblieben. Was meint, dass nach wie vor ein seltenes Feuer in ihm brennt, sobald er irgendwelche Perkussionsinstrumente in die Finger kriegt oder hinter einem Drumset sitzt. Letzteres wurde zwar etwas redimensioniert, was für seinen musikalischen Reifeprozess spricht. Auf seiner aktuellen CD „Latino World: „Live and Rhythm“ (Timba 59769-2) geht es weniger um reine Kraftprotzerei. Barreto muss niemandem mehr seine stupende Technik beweisen, oder dass er zu ungeraden Metren fähig ist. Im Gegenteil, mit seiner bestbesetzten Band interpretiert er gar Jazzstandards! Rollins „Oleo“, Ellington/Tizols „Caravan“, Carters „Little Waltz“ oder Shorters „E.S.P“ – allen diese ziemlich bekannten Tunes verleiht er ein völlig neues Gewand. An und für sich könnte Barreto auch im Duo mit seinem brasilianischen Bassisten auftreten. Die beiden solieren nämlich quasi ununterbrochen. Das ist man sich von Eduardo „Dudu“ Penz gewohnt. Er ist und bleibt der impulsivste E-Bassist der Schweiz, der Akkordspiel, Slaptechnik oder Solieren mit gesungener Unisonobegleitung wie kein zweiter beherrscht. Auch Gitarrist Ademir Candido, ehemaliger Oltner, ist jedesmal ein Genuss. Besonders auf dem Cavaquhino drückt sein brasilianisches Temperament durch. Leandro Saint-Hill, bekannt von Tony Martinez Salsa Band, beherrscht Soprano und Tenor gleichermassen und verleiht der Band einen jazzigen Touch.


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Alle Texte von Silvano Gerosa